Hinweis: Um die korrekte Darstellung der Seite zu erhalten, müssen Sie beim Drucken die Hintergrundgrafiken erlauben.

Flanellfabriken Fischer & Seige und Thalmann

Flanellfabriken Fischer & Seige und Thalmann
Flanellfabriken Fischer & Seige und Thalmann
Abb.: Jörg-Uwe Jahn
Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0, Rechteinhaber: Stadt Pößneck
Ort:
Bahnhofstraße 2 heute Kaufland (Standort bauliche Maßnahme bzw. Infotafeln klären)
Koordinaten:
11.589517,50.694233 (ö.L/n.B, WGS84, Dezimalgrad)
Titel:
Flanellfabriken Fischer & Seige und Thalmann
Klassifikation:
Industrieroute
Datenquelle:
Industriekultur Thüringen

Weitere Abbildungen:

Beschreibung:

Die Villa Bahnhofstraße 2, in welcher sich heute ein Fahrradgeschäft befindet, gilt als älteste von Pößneck: Im Jahr 1843 war sie als repräsentatives Wohnhaus für Moritz Richard Seige (1816-1899) errichtet worden. Auftraggeberin war seine Mutter Christiane Rosina Friederike Seige (1796-1868), die als Witwe die Färberei ihres Mannes am Alten Graben (heutige Gerberstraße 22) mit Erfolg weitergeführt hatte. Im Jahr zuvor hatte sie für ihren Sohn bereits ein neues Färbereigebäude auf dem an die Villa angrenzenden Grundstück (heutige Saalfelder Straße 21) bauen lassen. Sein Vater, der Färbermeister Johann Friedrich Seige (1775-1833), entstammte einem schon im 16. Jahrhundert in Pößneck nachweisbaren Tuchmacher- und Färbergeschlecht und war ein Neffe der Erbauer der “Seige’schen Schönfärberei”. Er hatte seine gut gehenden Geschäfte 1821 zum Anlass genommen, der Stadt eine Feuerspritze zu schenken. Moritz Richard Seige betrieb die vom Vater erlernte Schönfärbekunst nun fabrikmäßig weiter.

Im Jahr 1874 stieg sein Sohn Arthur (1850-1936) als Teilhaber in das hoch verschuldete Unternehmen des Tuchfabrikanten Bernhard Fischer ein und verlegte die Produktion zunächst in die Ludwigshütte bei Ziegenrück. Acht Jahre später wurden die Firma unter dem Namen “Fischer & Seige” mit der Färberei vereint. Ein zeitgemäßes fünfgeschossiges Fabrikgebäude auf dem Pößnecker Grundstück war 1887 fertiggestellt, 1888 kam ein 45 m hoher Schornstein hinzu. Die Färberei war zuvor bereits um eine neue Shedhalle und einen Anbau erweitert worden. 1890 ging das Unternehmen in den alleinigen Besitz der Seiges über, die den doppelten Namen weiter führten. Ab diesem Jahr ist auch eine Fabrikkrankenkasse nachweisbar. Sieben Jahre später wurde der Bau eines zweiten Fabrikgebäudes umgesetzt. Um diese Zeit beschäftigte “Fischer & Seige” etwa 150 Personen; die Arbeitsordnung sah täglich 12 Stunden inklusive Mittagspause vor.

Mit dem Tod des Vaters 1899 übernahm Arthur Seige zusammen mit seinen Brüdern Albert (1849-1928) und Ernst (1852-1922) das Unternehmen und stiftete für die Arbeiter der Firma 30.000 Mark. Später stieg Max Seige, der 1887 geborene Sohn von Ernst, ins Geschäft ein.
Für das Jahr 1904 ist ein Fabrikbrand verzeichnet, der offenbar keine größeren Ausmaße angenommen hatte. Es arbeiteten 1908 etwa 420 und 1928 über 500 Personen bei „Fischer & Seige“, danach sanken die Zahlen ab. Zwischen den Weltkriegen bestimmten Kleider- und Mantelstoffe für Damen das Sortiment, doch wurden Mitte der 1930er Jahre vermehrt Uniformstoffe produziert. Diese Ausrichtung blieb während des Zweiten Weltkrieges und auch danach erhalten, als Aufträge der sowjetischen Besatzungsarmee auszuführen waren.

1948 wurde das Unternehmen “Fischer & Seige” enteignet und kam zum “VEB Volltuchwerke”, ab den 1960er Jahren “VEB Thüringer Textilwerke Pößneck”. Mit dem Jahr 1971 begann in den ehemaligen Fabrikgebäuden von “Fischer & Seige” die Wälzlagerproduktion des “VEB Rotasym”, die nach dem Aufkauf durch „Kugelfischer“ 1991 ersatzlos auslief. Die leerstehenden Fabrikgebäude wurden 2004-2006 für den Neubau von Einkaufsmärkten abgerissen. Einzig einige originale gusseiserne Säulen blieben als Denkmal erhalten. Die Villa des Moritz Richard Seige hingegen, welche die ganze DDR-Zeit hindurch als Betriebsambulanz diente, wurde saniert. Sie übermittelt ebenso, wie das bemerkenswerte Mausoleum der Familie Moritz Richard Seige auf dem Oberen Friedhof in Pößneck, bis heute den einstigen Wohlstand der Färbereibesitzer.

Karte: