Hinweis: Um die korrekte Darstellung der Seite zu erhalten, müssen Sie beim Drucken die Hintergrundgrafiken erlauben.

Franz Kambach, Pößneck Erste Unterrockfabrik, Maschinenstickerei, gegr. 1893

Franz Kambach
Franz Kambach
Abb.: Jörg-Uwe Jahn
Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0, Rechteinhaber: Stadt Pößneck
Ort:
Turmstraße 52
Koordinaten:
11.60155,50.69575 (ö.L/n.B, WGS84, Dezimalgrad)
Titel:
Franz Kambach, Pößneck Erste Unterrockfabrik, Maschinenstickerei, gegr. 1893
Klassifikation:
Industrieroute
Datenquelle:
Industriekultur Thüringen

Weitere Abbildungen:

Beschreibung:

„Franz Kambach, Pößneck“, erste Unterrockfabrik, Maschinenstickerei, gegr. 1893.
Franz Kambach wurde 1865 in Pößneck geboren. Sein Vater, Georg Friedrich Julius Kambach, war spätestens ab 1881 Besitzer des Gasthofs „Goldener Löwe“ in der Neustädter Straße Nr. 674 (später Nr. 60) in Pößneck. Gelernt hatte der Vater allerdings das alte Handwerk des Tuchscherers. Beim Tuchscheren wurden mit sehr großen und schweren Scheren überstehende Wollfaserreste von fertigen Stoffen entfernt und diese so zu Feintuchen veredelt. In den historischen Pößnecker Adressbüchern sind zwei weitere Tuchscherer aus der Familie aufgeführt: 1859 ein Christoph David Kambach im Entenplan 188 sowie ab spätestens 1881 ein Karl Kambach in der Heiligengasse Nr. 112 (später Nr. 8). Als Adresse des Georg Friedrich Julius Kambach ist bis mindestens 1864 die Raingasse Nr. 387 notiert, im Adressbuch des Saalfelder Kreises von 1876 wird er als Tuchscheerermeister in der Turmstraße Nr. 537 geführt. Dass er sich für das Führen eines Gasthofes entschieden hatte, mag damit zusammenhängen, dass die harte Arbeit der Tuchscherer ab Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend von Schermaschinen übernommen wurde.
Franz Kambach folgte der Familientradition im Textilgewerbe. Er wurde Kaufmann und meldete am 6. April 1893 einen Flanellhandel in der Neustädter Straße 62 an, welcher dort bis mindestens 1898 nachzuweisen ist. Im Jahr 1902 hatte er seinen Wohn- und Betriebssitz bereits in die Turmstraße 52 verlegt. Dort ließ Kambach ein eindrucksvolles Fabrikgebäude errichten, welches heute noch erhalten ist. Im Nachruf heißt es, er sei selbst dort von früh bis spät mit tätig und damit ein Vorbild für seine Belegschaft gewesen. Als erster Textilfabrikant stellte Franz Kambach konfektionierte Kleidung her. In seiner Fabrik hatte er gleich anfangs eine Kurbelstrickmaschine aufgestellt und führte das Kettenstichnähen mittels Tamburiermaschine und die Unterrocknäherei in Pößneck ein; 1904 meldete er sogar ein Patent zur Unterrockherstellung an. An der Vergrößerung seines Betriebs interessiert, unternahm er zudem zahlreiche Geschäftsreisen und gliederte der Fabrik neue Abteilungen an. Das Unternehmen war, ganz auf der Höhe der Zeit, per „Fernsprecher No. 90“ zu erreichen. Mehrere Jahre blieb es die einzige Unterrockfabrik in der Gegend. Im Jahr 1904 konkurrierten bereits vier Pößnecker Firmen miteinander, die sich auf die Herstellung von Konfektionskleidung - Arbeitskleidung für Männer und Frauen, Unterröcke, Frauenbeinkleider, Kinderkleider, Hemden und Schürzen - spezialisiert hatten. Ein geschäftlicher Briefkopf vom September 1913 gibt folgendermaßen Auskunft über das Unternehmen „Franz Kambach“ in Pössneck: „Fabrik für Unterröcke, Flanelle. Maschinenstickerei. Specialität: reinwollene und halbwollene Rockflanelle (BOYS) glatt und gestickt“. Zu dieser Zeit war Franz Kambach zusammen mit Adolf Klein außerdem Inhaber der Firma „Klein & Co., Maschinenstickerei und Handel mit Stickereien“ in Pößneck, die er wohl seinem Unternehmen angliederte.
In den Geschäften wurde Franz Kambach von seiner Gattin und seinen beiden Söhnen unterstützt, von denen aber nur einer den Ersten Weltkrieg überlebte. In dieser Zeit war die Existenz mittlerer und kleiner Unternehmen auch in Pößneck stark bedroht. Der tuchverarbeitende Betrieb „Kolditz und Kambach“ versuchte an Heeresaufträge zu kommen – wohl ohne Erfolg, denn Anfang 1916 bat Kambach den Magistrat um Unterstützung, da er sonst seine 100 Arbeiterinnen entlassen müsse. Als Pößneck schließlich Verteilstelle für Näharbeiten des Heeres wurde, konnten in den tuchverarbeitenden Betrieben je nach Auftragslage 300 bis 500 Arbeiterinnen und dazu 150 Heimarbeiterinnen beschäftigt werden. Franz Kambach allerdings erklärte sich bereit, sich selbst und seine Fabrik in den Dienst einer kommunalen „Betriebsgesellschaft zur Anfertigung von Geschoßkörben“ zu stellen. Geschosskörbe waren als schützende Verpackung zum Transport der Munition unentbehrlich und wurden an der Front als Brennmaterial verwendet. Nach den Vorgaben der Stadt wurden Arbeiterinnen, bevorzugt Kriegerwitwen, angestellt und im Korbflechten unterwiesen. Pro gefertigtem Korb zahlte Kambach eine Provision an die Stadt, die die Aufträge vermittelte und dieses Geld für die Kriegerfamilienfürsorge verwendete.
Mit Ende des Krieges konzentrierte Kambach sich wieder auf sein ursprüngliches Geschäft. Ein Briefkopf vom Dezember 1918 lautet auf die „Erste Pössnecker Unterrockfabrik. Maschinenstickerei“ und wirbt für „Unterröcke, Beinkleider aus baumwollenen Molten für Frauen und Kinder. Kinderkleidchen“. Sein Sohn Hans (1898-1947) trat 1931 in die Firma ein. Im Mai des gleichen Jahres meldete Kambachs Frau Elisabeth, geborene Heinrich, ebenfalls das Gewerbe für die Wäschefabrikation und den Handel mit Manufakturwaren an. Im Jahr 1934 waren in Pößneck 17 Wäsche- und Berufskleiderfabriken und Maschinenstickereien angemeldet. Franz Kambach starb 71jährig am 10. Dezember 1935 nach mehrwöchiger Krankheit.
Der des Gewerbebetrieb „Franz Kambach“ wurde am 31. März 1955 abgemeldet. Das Gebäude in der Turmstraße ging danach in das Eigentum der „Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe“ über, im Parterre und im 1. Stock wurde der „VEB Altstoffhandel Pößneck“ einquartiert. Im Juli 1961 kaufte der „VEB Kommunale Wohnungsverwaltung“ das Objekt, welches heute – rundum saniert - Geschäftssitz der 1990 gegründeten “Grundstücks- und Wohnungsgesellschaft Pößneck/Triptis mbH” ist.

Karte: